Kleine numismatische Kaisergeschichte Teil 18:
Hadrianus und sein Weltreich
Ein Beitrag von Ursula Kampmann
|
|
|
|
|
Karte des römischen Weltreichs zur Zeit von Hadrianus
|
|
Hadrianus, Sesterz, 137 n. Chr., Rs. Hadrianus mit Vertretern seines Heeres in Britannien
|
Zur Zeit der Republik gab es für die Provinzen (Abb. 2) nur eine einzige Daseinsberechtigung: Sie mußten die Stadt Rom und vor allem ihre Oberschicht reich machen. Schon Caesar und Augustus hatten gesehen, daß dies keine gute Basis war, um ein Weltreich auf Dauer zu gründen. Ausbeutung führte nur dazu, daß irgendwann jede Provinz einen Moment der römischen Schwäche nutzen würde, um nach Selbständigkeit zu streben. Wollte man das Reich also konsolidieren, mußte man die Interessen der Provinzen mit den Interessen der römischen Oberschicht verquicken. Und dies taten die Herrscher seit Caesar, indem sie ausgewählte Mitglieder der provinzialen Oberschichten in den römischen Adel aufnahmen. Da dieser sich sowieso immer mehr reduzierte, war der Zufluß an fähigen Politikern aus der Provinz von Vorteil. Immer mehr einflußreiche Politiker stammten nicht mehr aus Rom. Doch diese Art der Integration genügte Hadrianus, der im Jahr 117 die Macht im römischen Reich übernommen hatte (siehe Kleine numismatische Kaisergeschichte, Teil 17), nicht. Er war der erste Kaiser, der die Interessen der Provinzen gleichberechtigt neben die der Stadtrömer stellte. Alle, die in seinem Reich lebten, sollten seine Fürsorge genießen. Hadrianus wollte allen Bewohnern des römischen Reichs ein Kaiser sein.
Langsam, aber unaufhaltsam begann Hadrianus seine Reformen in Verwaltung und Heer. Die Rechte des Senats blieben unangetastet, aber immer mehr Senatoren aus den Provinzen wurden in dieses Gremium aufgenommen, so daß der Einfluß der reaktionären Hadriansgegner ein wenig zurückging. Zusätzlich baute Hadrianus die Aufgaben der Ritter aus, um ein starkes politisches Gegengewicht zum Senat zu erhalten. Er setzte sie vor allem in der zivilen Verwaltung ein und bot ihnen dafür ein lohnendes Gehalt, so daß auf diese Weise viele Fachleute aus den Provinzen die Chance zu einem sozialen Aufstieg erhielten.
Die vielleicht wichtigste und gleichzeitig unbeliebteste Maßnahme traf der Kaiser im Bereich des Militärs (Abb. 35). Hadrianus machte endgültig Schluß mit der offensiven römischen Außenpolitik. Er verwandelte die Armee in ein Friedensheer, dessen vordringliche Aufgabe es war, die Grenzen zu sichern. Zu diesem Zweck verankerte er die einzelnen Heereseinheiten in den Provinzen, die sie schützen sollten. Neue Soldaten wurden nur mehr aus dem umliegenden Gebiet rekrutiert und ihre Einheit blieb so lange wie möglich dort, wo sie war. Dadurch identifizierte sich das Heer mit der Bevölkerung, die es schützen sollte. Der Nachteil dieser Neuordnung zeigte sich erst zwei Generationen später. Antoninus Pius, der weder militärisch geschult war noch Verständnis für die hohen Ausgaben hatte, die ein stehendes Heer kostete, reduzierte die Grenztruppen weiter, ohne die Lage vor Ort wirklich zu kennen. Dies funktionierte, solange Frieden herrschte. Doch da es im Kriegsfall keine strategische Reserve mehr gab, die bei Bedarf eingesetzt werden konnte, kam es gleich an mehreren Grenzen zu einer gefährlichen Situation, wenn an einer einzigen Stelle die Streitkräfte überrannt wurden. Dann nämlich mußten Soldaten von anderen Grenzen abgezogen werden, um die Angreifer zu vertreiben. Diese momentane Schwächung der Grenze konnten andere Invasoren nutzen. Es funktionierte wie ein Dominospiel: War erst einmal ein Angriff erfolgreich, so durchbrachen sofort weitere Völker den Limes.
Fast noch wichtiger als die Heeresreform war die Neuordnung des römischen Rechts durch Hadrianus. Das war in den vergangenen Jahrhunderten zu einer komplizierten Anhäufung von Präzedenzfällen geworden. Es gab zum einen die uralten Beschlüsse, die einst die Volksversammlung ratifiziert hatte. Dann hatte der Senat jede Menge Gesetze erlassen und daneben existierten die Entscheidungen der verschiedenen Kaiser. Niemand durchschaute mehr diesen sich zum Teil widersprechenden Wirrwarr. Praxis war es geworden, daß jeder Beamte bei Amtsantritt ein Edikt herausgab, in dem er ankündigte, welche Gesetze er anwenden wollte. Damit hatten die Bürger wenigstens einen Anhaltspunkt, ob sie eine Chance hatten, einen Prozeß zu gewinnen. Aber gerade für die Provinzialen barg diese Regelung einen Unsicherheitsfaktor. Ein Ephesier zum Beispiel konnte sich absolut sicher sein, daß er bei einer Klage Recht bekäme; doch bis er in Rom seine Sache zur Verhandlung brachte, hatte vielleicht der Beamte gewechselt und nach dessen Rechtsauffassung wurde seine Anklage abgeschmettert.
Hadrianus beschloß, diesen juristischen Wildwuchs zu beschneiden. Er befahl, alle Entscheidungen von Volksversammlung, Senat und Kaiser zu sammeln, zu sortieren und zu bewerten. Danach gab er eine neue Zusammenstellung aller Gesetze heraus, an denen sich die Richter in Zukunft zu orientieren hatten. Dieses Gesetzeswerk behielt bis in die Zeit von Iustinianus, also über 400 Jahre lang, seine Gültigkeit. Die Senatoren haßten es, denn dadurch wurde ihnen als Richter der Spielraum genommen, mit dessen Hilfe sie sich im politischen Spiel Freunde hatten machen können. Nun sollte Gerechtigkeit auf Recht und nicht mehr auf Einfluß beruhen. Und dann widersprach eine weitere, mit dem Gesetzeswerk verbundene Anordnung von Hadrianus der römischen Eitelkeit: Er hatte Italien in vier Gerichtsbezirke eingeteilt, in denen ein Richter umherziehen mußte. Damit war Italien den Provinzen juristisch gleichgestellt. Ein unglaublicher Gedanke für nationalstolze Römerköpfe!
Doch nicht nur durch Verwaltungsreformen wollte Hadrianus die Provinzen enger an das Imperium binden. Kein anderer römischer Kaiser reiste so viel wie Hadrianus (Abb. 613). Seine Exkursionen dienten mehreren Zielen: Zum einen lag ihm daran, Krisengebiete persönlich kennenzulernen, um im Notfall geeignete Maßnahmen gegen Invasionen treffen zu können. Der zweite Grund seiner Reisen war eine effektive Förderung der Wirtschaft im römischen Reich. Hadrianus wollte die Probleme seiner Provinzen mit eigenen Augen sehen, um die Anfragen und Gesuche, die aus der ganzen Mittelmeerwelt an ihn herangetragen wurden, nicht vom Schreibtisch aus entscheiden zu müssen. So war Hadrianus vor Ort und stiftete auf seinen Reisen unzählige Bauten zur Verbesserung der Infrastruktur. Er ließ neue Quellen erschließen, Aquädukte bauen, Hafenanlagen wieder in Stand setzen (Abb. 14). Er ordnete Flußregulierungen an und sorgte dafür, daß hungernde Städte die Möglichkeit bekamen, Getreide aus Ägypten zu importieren.
Hadrianus’ erste Reise dauerte vier Jahre und führte ihn über Gallien und Germanien, Raetien und Noricum nach Britannien. Dort ordnete er die Verteidigung gegen Pikten und Skoten neu. Diese beiden Stämme überrannten immer wieder die römischen Grenzbefestigungen. Um deren Raubzüge abzustellen, ließ Hadrianus den nach ihm benannten Wall an einer natürlichen Verengung der britischen Insel bauen. Der schloß den römischen Teil Britanniens nicht völlig ab, sondern funktionierte wie eine Grenze im modernen Sinn. Der Limes verhinderte unbefugte Grenzübertritte nicht. Er diente lediglich der Kontrolle, so daß Einfälle sofort weiter gemeldet wurden. Jede Meldung erreichte in Rekordzeit eines der 17 Kastelle. Von dort aus ritten bei Alarm sofort Soldaten los. Auf den gut ausgebauten Straßen entlang des Walls waren sie schnell am Ort des Geschehens und vertrieben die Eindringlinge. Der Hadrianswall war eine wirksame Grenzorganisation, um die Überfälle der Pikten und Skoten in den Griff zu bekommen.
Von Britannien zog Hadrianus durch Gallien weiter nach Spanien. Von dort aus organisierte er die Verteidigung Afrikas, das durch die immer wieder einfallenden Mauren geschädigt wurde. Ebenfalls noch in Spanien erfuhr Hadrianus von einer im Osten drohenden Gefahr durch die Parther. Sofort brach er zur östlichen Grenze des römischen Reiches auf. Dort gelang es ihm, auf dem Verhandlungswege alle Probleme aus der Welt zu schaffen.
Weiter ging die Reise über Trapezunt am Schwarzen Meer nach Bithynien, das gerade von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden war. Dort traf Hadrianus den Mann, der zu seinem ständigen Begleiter werden sollte, den jungen Antinoos. Er muß zum Zeitpunkt des Treffens etwa 18 Jahre alt gewesen sein und er entsprach dem damaligen Schönheitsideal genau (Abb. 15).
Viele Historiker haben versucht, das Verhältnis zwischen Hadrianus und Antinoos zu durchleuchten. Die Bandbreite reicht dabei von einer rein platonischen Freundschaft, in der Hadrianus in Antinoos einen Sohn sah, den er nie haben konnte, bis hin zu einem homosexuellen Verhältnis. So kann man lange überlegen, was man hier in dieser kleinen numismatischen Kaisergeschichte über die Beziehung der beiden Männer sagen soll. Auf der einen Seite wollen wir hier nicht die prüden Entschuldigungen für den Kaiser wiederholen, die Historiker noch vor 20 Jahren finden zu müssen glaubten. Auf der anderen Seite ist Antinoos bereits viel zu häufig als Märtyrer für die homosexuelle Sache in Anspruch genommen worden. Versuchen wir also, das Verhältnis der beiden aus ihrer Zeit heraus zu erklären. Dazu muß man sich vergegenwärtigen, daß es Hadrianus gefiel, sich griechisch zu fühlen. So war für ihn die Liebe zu einem Mann nichts Skandalöses wie für die meisten römischen Senatoren. Er schwelgte in der Vergangenheit Griechenlands, in der die Liebe des gereiften Mannes zu einem Knaben ein Teil von dessen Erziehung gewesen war. Hadrianus hat sicher die folgende Stelle aus Platons Symposion gekannt, in dem weise Philosophen über das Wesen der wahren Liebe diskutieren. Der Mythos über deren Entstehung, den Platon dem Aristophanes in den Mund legt, sagt uns mehr über das, was Hadrianus für Antinoos empfand, als viele, viele Seiten, die moderne Historiker geschrieben haben mögen:
„Früher war nämlich unsere Natur nicht dieselbe wie jetzt. Anfangs gab es bei den Menschen drei Geschlechter, nicht wie jetzt zwei männlich und weiblich, sondern es gab dazu eines, das beide vereinte. … Sie waren nun gewaltig an Kraft und Stärke und waren großen Sinnes, ja sie legten Hand an die Götter. Sie unternahmen es, den Himmel zu ersteigen, um die Götter anzugreifen. Da ratschlagten Zeus und die anderen Götter, was sie tun sollten, und waren in Verlegenheit. Denn es war nicht möglich, sie zu töten wie die Giganten und ihr Geschlecht zu vertilgen dann wären ihnen ja auch die Ehren und Heiligtümer bei den Menschen vertilgt worden aber sie konnten auch nicht den Frevel hingehen lassen. Endlich hatte Zeus etwas ersonnen: ‚Ich glaube ein Mittel zu haben, wie die Menschen bestehen bleiben und doch von ihrem Übermut ablassen. Wir müssen sie schwächen. Ich durchschneide sie nämlich, jeden in zwei Teile, und so werden sie schwächer werden.‘ Dies gesagt, zerschnitt er die Menschen in zwei Hälften, wie man Birnen zerschneidet, um sie einzumachen. Und immer wenn er einen zerschnitten hatte, hieß er den Apollon, ihm das Gesicht nach der Schnittfläche herumdrehen, damit der Mensch, seine Zerschneidung betrachtend, bescheidener würde, und hieß ihn den Rest zu verheilen.
Daher ist jeder von uns das Gegenstück eines Menschen, weil wir wie die Schollen aus einem in zwei geschnitten wurden. Ewig sucht jeder sein Gegenstück. Alle Männer, die ein Stück vom gemischten Geschlecht sind, lieben das Weib. Alle Frauen, die den Mann lieben, entstammen auch diesem Geschlecht. Und alle Frauen, die Stücke eines Weibes sind, halten sich mehr an die Frauen. Alle, die Stücke des männlichen sind, folgen dem Männlichen, und als Knaben lieben sie, weil sie ja Teile vom Männlichen sind, die Männer und sind froh, wenn sie bei den Männern liegen und sie umarmen. Und diese sind die besten unter den Knaben und Jünglingen, weil sie von Natur aus die mannhaftesten sind.“
Wollen wir es dabei belassen. Hadrianus glaubte, seine zweite Hälfte gefunden zu haben. Und man muß dem Antinoos eines zugestehen: Nicht einmal seine Feinde behaupteten von ihm, er habe sich in die Politik eingemischt. Er war Hadrianus ein Freund oder ein Geliebter, bei dem er nicht den Kaiser spielen mußte, sondern als Mensch willkommen war. Neun Jahre lang begleitete dieser junge Mann den Herrscher der Welt als sein unzertrennlicher Gefährte.
Er reiste mit ihm nach Athen, wo Hadrianus beschloß, ein neues Zentrum des Griechentums zu errichten. Das Athen, das Hadrianus damals zu sehen bekam, hatte keinerlei Ähnlichkeiten mehr mit der Stadt in ihrer Blütezeit. Korinth war das Zentrum der Provinz Achaia. Doch Hadrianus liebte Athen. Er wollte es nicht wahrhaben, daß die klassischen Zeiten vorbei waren. So leitete er ein umfangreiches Bauprogramm in die Wege. Er befahl zum Beispiel einen Tempel des Zeus Olympios zu vollenden, den ein König 400 Jahre früher begonnen hatte und der nie fertiggestellt worden war. Dieser Tempel sollte der Sitz des Panhellenion werden. Dies war eine von Hadrianus gegründete halb kultische, halb politische Gemeinschaft aller Griechen. Nur solche Städte konnten dort Mitglied werden, die ihre Gründung griechischen Göttern oder Heroen verdankten. Die Gründung dieses Panhellenions initiierte im gesamten Osten eine Renaissance der griechischen Kultur. Viele Städte entdeckten ihren Stolz auf eine Vergangenheit, die sie eigentlich schon längst vergessen gehabt hatten.
Hadrianus genoß seinen Aufenthalt in Athen. Er umgab sich mit Philosophen, ließ sich in Eleusis in die Mysterien einweihen und fühlte sich ganz als Grieche. Er besuchte all die bedeutenden Städte der griechischen Vergangenheit und sorgte dafür, daß Griechenland eine moderne Infrastruktur bekam, damit die Griechen wieder Anschluß finden konnten an die wirtschaftlichen Entwicklungen.
Im Sommer des Jahrs 125 mußte Hadrianus wieder zurück nach Rom. Dort überprüfte er den Stand der Reformen und begann mit der Routinetätigkeit eines Kaisers: Besuche des Senats, Auftritte als Richter, Empfang von Klienten und Gesandtschaften. Dazu kam die Planung eines umfangreichen Bauprogramms, das sich zum Teil durch die Originalität der geplanten Objekte auszeichnet. Hadrianus stand ein fantastischer Architekt zur Verfügung, Apollodoros von Damaskus. Dieser Mann hatte schon für Traianus gearbeitet (siehe dazu Kleine numismatische Kaisergeschichte, Teil 16). Er baute einen der bekanntesten römischen Tempel, das Pantheon (Abb. 17). Das Besondere an diesem Rundbau ist die konsequente Anwendung von Zement als Baumaterial. Die Kuppel, die bis heute zu den größten der Welt gehört, wurde aus Gußmauerwerk hochgezogen. Das Pantheon ist ein wahrlich römischer Bau, der von allen griechischen Vorbildern abweicht.
Der zweite Bau, den heute noch jeder kennt, ist das Grabmal des Hadrianus (Abb. 18), das unter dem Namen Engelsburg dem Papst jahrhundertelang als Festung diente. Seit der Beisetzung des Nerva im Mausoleum des Augustus war nämlich die kaiserliche Grabstätte voll. Traianus’ Asche setzte man im Sockel der Traianssäule bei, doch war dies eine außergewöhnliche Ehre. Deshalb baute Hadrianus ein neues Grabmal für sich und seine Nachfolger. Viele haben dort ihr Grab gefunden, doch dauerte deren letzte Ruhe nicht allzu lange. Die Kaiser wurden schon in der Spätantike aus ihren Gräbern gerissen, als Alarichs Vandalen im Jahr 410 Rom plünderten.
Hadrianus hielt es genau drei Jahre in Rom aus. Dann begab er sich wieder auf eine Reise, die dieses Mal vier Jahre dauern sollte. Zunächst besuchte er Mauretanien, das von benachbarten Nomaden immer wieder geplündert wurde. Mit einem kurzen Zwischenstop in Rom reiste der Kaiser weiter nach Athen, um dort zu überprüfen, wie weit seine Bauten gekommen waren. Von Griechenland aus fuhr Hadrianus wieder an die Ostfront. Dafür reiste er von Eleusis nach Ephesos und von dort aus weiter über den Landweg nach Antiochia am Orontes, wo er Verhandlungen mit den Herrschern führte, die im Osten des römischen Reiches regierten. Hadrianus verhandelte aus einer Position der Stärke heraus. Seine Grenzen waren gesichert, im Reich herrschte Frieden. Er konnte es sich leisten, Zugeständnisse zu machen. Hadrianus übergab zum Beispiel dem parthischen König alle Geiseln, darunter auch die Königstochter. Er versprach sogar, den goldenen Königsthron zurückzuschicken, doch dazu ist es dann weder unter ihm noch unter seinen Nachfolgern gekommen.
Durch den Libanon, über Zypern und die neue Provinz Arabia reiste Hadrianus nach Judaea. Dort war der letzte Krieg mittlerweile gut 60 Jahre vorbei und Normalität hätte in den Augen von Hadrianus längst wieder eingekehrt sein sollen. Er erwartete, die so vernichtend geschlagenen Juden inzwischen weitgehend romanisiert zu sehen. Sie konnten schließlich zufrieden sein, besaßen sie doch ein gutes Auskommen. Doch im Land selbst merkte Hadrianus schnell, daß viele Juden die römische Herrschaft haßten und nicht bereit waren, dafür ihre nationale Identität aufzugeben. Ihr Stolz, das auserwählte Volk Gottes zu sein, wird Hadrianus mißfallen haben. Sein Ziel war eine Gemeinschaft von Bürgern des römischen Reiches, in der es keine Kelten und keine Phönizier, keine Daker, keine Griechen und eben auch keine Juden mehr gab, sondern nur noch Römer. Deshalb versuchte Hadrianus, die selbst gewählte Isolation des jüdischen Volkes zu durchbrechen.
Er ergriff zu diesem Zweck zwei Maßnahmen. Zunächst versuchte er, das geografische Zentrum des jüdischen Glaubens aus dem Gedenken der Menschheit zu verdrängen. Auf dem Boden des einst von Titus zerstörten Jerusalem gründete er eine Kolonie namens Aelia Capitolina (Abb. 1921). Auf den Ruinen des Tempels erbaute Hadrianus ein Heiligtum des Zeus Capitolinus. Dies war eine unglaubliche Herausforderung. Doch vielleicht hätten die Juden es hingenommen, wenn sie nicht eine etwa gleichzeitige Verordnung des Kaisers in ihrer innersten Identität getroffen hätte. Hadrianus erließ nämlich ein Verbot der Kastration. Jeder, der ein männliches Glied operierte, wurde mit der Todesstrafe bedroht. Was an sich als lobenswerte Maßnahme gegen den Handel mit Eunuchen gedacht war, richtete sich gleichzeitig gegen das jüdische Volk, denn die Juden assoziierten mit der Beschneidung ihre Identität. Während viele Völker der Wüste und des Orients die Beschneidung nur aus hygienischen Gründen durchführten und deshalb leicht darauf verzichten konnten, empörte sich vor allem die bäuerliche Bevölkerung der Provinz Judaea gegen den Befehl des Kaisers. Sie waren nicht bereit, ein Ersatzritual einzuführen, wie es bereits eine Reihe von hellenisierten Gemeinden in anderen Städten getan hatte.
Sie unterstützten Shim'on bar Kosiba, der in die Geschichte als Bar Kokhba eingegangen ist, auch wenn er sich selbst nie so genannt hat (Abb. 2226). Unter ihm begannen die Juden den Zweiten Jüdischen Krieg gegen Rom. Leider besitzen wir kaum zuverlässige literarische Quellen, die uns Näheres über das Geschehen berichten. Doch ausnahmsweise verfügen wir über exzellente Primärquellen. Seit 1949 hat man immer wieder Papyri in den Höhlen entlang des Toten Meeres gefunden. Zu ihnen gehören schriftliche Befehle, die Shim'on bar Kosiba an seine Bevollmächtigten schickte. Nur aus den Papyri wissen wir zum Beispiel, daß Shim'on sich nie als Messias verstanden hat, was ihm die spätere jüdische Tradition unterstellte. Drei verschiedene Kommentare zum Talmud, die man lange als historische Quelle herangezogen hat, behaupten nämlich, Rabbi Akiba, ein Zeitgenosse des Bar Kosiba, habe von ihm behauptet, er sei der Messias. Er habe sich auf ein Orakel bezogen, das besagte, daß aus dem Geschlecht Jakobs ein Stern entstehen werde. Kosiba klingt so ähnlich wie Kokhba, so daß aus Shim'on bar Kosiba Bar Kokhba werden konnte. Ein historischer Irrtum, der dem Zweiten Jüdischen Krieg seinen Namen Bar-Kokhba-Aufstand gegeben hat.
Shim'on bereitete den militärischen Schlag gegen die Römer sehr effektiv und streng geheim vor. Niemand in Rom ahnte etwas davon. Die Legionen waren nicht in Bereitschaft versetzt, und so konnten die Juden zu Anfang große Erfolge erzielen. In den Berichten des Cassius Dio schwingt etwas von dieser Überraschung mit, wenn er sich die Vernichtung einer ganzen Legion nicht anders erklären kann, als daß jüdische Händler den Römern vergifteten Wein geliefert haben mußten. Bar Kosiba eroberte ziemlich schnell Jerusalem und das ländliche Gebiet südlich davon. Dort lag das Zentrum der neuen jüdischen Macht, die sich immerhin dreieinhalb Jahre halten konnte. Bar Kosiba rechnete wohl nicht damit, daß er allein die Unabhängigkeit für Judaea erreichen würde. Er hoffte vermutlich auf Unterstützung von außen. Vielleicht dachte er, die Juden der Diaspora würden sich auf seine Seite stellen, oder die Parther würden einen neuen Angriff wagen. Aber hier hatte er sich genauso verrechnet wie Hadrianus sich geirrt hatte, als er dachte, die Juden würden ihre Identität einfach so aufgeben. Hadrianus und Bar Kosiba waren beides Menschen mit einer Vision, nur waren beide derart in ihrer jeweiligen Vision gefangen, daß sie den Blick verloren hatten, für die Bedürfnisse ihres Gegners.
Der Anfang vom Ende kam für Bar Kosiba mit der Ernennung von Sextus Julius Severus zum Kommandanten der römischen Einheiten. Dieser fähige General hatte seine Erfahrungen in Britannien gesammelt und kannte von dort alle Finessen der Guerillataktik, die Bar Kosiba so erfolgreich anwendete. Severus hatte mehr als fünf Legionen zur Verfügung; kein Wunder, daß sich Bar Kosiba nicht mehr allzu lange halten konnte. Er mußte im Jahr 135 endgültig aufgeben. Judaea war völlig verwüstet. Laut Cassius Dio sollen 50 Festungen und 985 Dörfer zerstört gewesen sein. Mehr als eine halbe Million Menschen waren bei diesem mörderischen Krieg umgekommen. Auch wenn diese Angaben sicherlich übertrieben sind, war Judaea wirtschaftlich ruiniert. Hadrianus baute Aelia Capitolina wieder auf, und er verbot allen Juden, sich dort niederzulassen. Er überbaute die jüdischen Heiligtümer mit römischen Tempeln und gab der Stadt Jerusalem ihre heutige Gestalt.
Im Jahr 135 nahm Hadrianus den Titel Imperator an und verlieh seinem General die ornamenta triumphalia. In der Münzprägung aber verschwieg er seinen Sieg. Er konnte wohl vor sich und der Welt nicht zugeben, daß es Menschen gab, die seiner Politik der Versöhnung feindlich gegenüber standen. Übrigens hat dann schon der Nachfolger von Hadrianus, Antoninus Pius, die Politik seines Vorgängers gegenüber den Juden revidiert. Unter ihm erhielten sie eine Sondererlaubnis, die rituelle Beschneidung durchzuführen.
Aber mit dem Ende des zweiten Jüdischen Krieges haben wir chronologisch ein wenig vorgegriffen. Kehren wir zurück zu Hadrianus, der von Judaea aus weiterreiste nach Ägypten. Er wollte Alexandria besuchen und die Sehenswürdigkeiten Ägyptens besichtigen. So fuhr Hadrianus und sein Gefolge den Nil hinauf. Während der Reise ertrank in der Nacht zum 30. Oktober 130 Antinoos, der Begleiter von Hadrianus, im Nil. Schon in der Antike hat man darüber gerätselt, was in dieser Nacht wirklich geschehen ist. Hatte es einen Unfall gegeben? Höchst unwahrscheinlich bei einem kaiserlichen Favoriten, dessen Schritte ständig von Leibwächtern begleitet wurden. War es Mord? Doch wer hätte diesen bescheidenen Mann, der sich von aller Politik fernhielt, hassen sollen? Und was hätte ein Mord bewirkt? War es Selbstmord? Schon in der Antike hat man dem Antinoos Scham wegen seines Verhältnisses zu Hadrianus unterstellt. Doch auch das hört sich als Grund für einen Selbstmord unsinnig an. Antinoos kannte Hadrianus seit sieben Jahren. Warum sollte ihn ausgerechnet auf dem Nil die Reue gepackt haben? Noch eine weitere Theorie teilen uns die antiken Autoren mit. Auch wenn sie in unseren Ohren unwahrscheinlich klingt, könnte sie doch der Wahrheit nahe kommen.
Hadrianus wurde alt. Er war mittlerweile 55 und ausgelaugt von der ständigen Arbeit. Der Kaiser war müde und deprimiert. Er dachte vielleicht an den Tod. Dazu hatte Hadrianus während eines Opfers an Zeus ein vernichtendes Omen erhalten: Ein Blitz erschlug das Opfertier und das Feuer verzehrte den Stier völlig. Antinoos erlebte die Depression des Kaisers aus nächster Nähe. Es muß eine gespenstische Stimmung gewesen sein: Am vorbeiziehenden Ufer die Zeugnisse einer uralten Kultur, fremde Götter, fremde Mythen. Wir können vielleicht nachvollziehen, daß Antinoos aufmerksam lauschte, als die ägyptischen Bootsleute von einem uralten Aberglauben der Ägypter erzählten. Sie berichteten, daß derjenige, der im Nil sein Leben für einen anderen zum Opfer brächte, die Jahre seines eigenen Lebens denen des anderen hinzufüge. Unterstellen wir Antinoos für einen kurzen Moment, daß er so uneigennützig war, wie die antiken Quellen ihn schildern. Vielleicht kam ihm zum Bewußtsein, daß die Welt einen Hadrianus viel dringender brauchte als ihn. Und so sprang er in einer einsamen Nacht über Bord.
Der Kaiser war untröstlich, als er vom Tod seines Freundes erfuhr. Er gründete an der Unglücksstelle eine Stadt und sorgte dafür, daß Antinoos als Heros verehrt wurde. Er gründete Kulte für seinen Freund in Athen, Argos und Eleusis und richtete in Bithynium, der Geburtsstadt des Antinoos, ein Orakel ein. Uns sind fast viermal mehr Statuen von Antinoos erhalten als von Hadrianus. Sie alle wurden aufgestellt nach dem Tod des bemerkenswerten Kaiserfreunds, von dem wir nichts weiter wirklich wissen, als daß Hadrianus ihn gern hatte (Abb. 2730).
Der Rest des Lebens war für Hadrianus eigentlich nur mehr Qual und Mißerfolg. Hadrianus reiste von Ägypten nach Kleinasien, und von dort aus an die Donaufront, den Winter 131/2 verbrachte er noch in seinem geliebten Athen, aber dann war die Zeit der Reisen endgültig vorbei. Er kehrte zurück nach Rom. Dort gab es immer noch jede Menge Ressentiments gegen ihn. Die Senatoren hatten ihm nicht verziehen, und das Volk konnte sich nicht für einen Princeps begeistern, der lieber in den Provinzen weilte als in der Hauptstadt.
Hadrianus kehrte als kranker Mann zurück. Am liebsten weilte er außerhalb von Rom in Tivoli, wo er sich eine griechische Welt im Kleinen gebaut hatte. Dort lebte Hadrianus, um allein zu sein (Abb. 32). Doch noch durfte der Kaiser sich nicht dem Selbstmitleid hingeben, noch mußte er seine Nachfolge regeln.
Wir nennen heute die Epoche der Kaiserzeit von 96 bis 192 die Zeit der Adoptivkaiser, und das nicht unbedingt zurecht. Nur zwei Kaiser nämlich wagten, einen anderen als ihren nächsten männlichen Verwandten zum Nachfolger zu machen: Nerva, der überhaupt keinen männlichen Nachkommen besaß und Hadrianus. Hadrianus hätte einen Erben von seinem Blut benennen können, den Enkel seiner Schwester, doch dieser junge Mann erschien ihm nicht geeignet. Er wurde, zusammen mit seinem Vater Servianus, demselben Servianus, der Hadrianus schon früher so übel mitgespielt hatte, hingerichtet. Wir wissen nicht, ob eine Verschwörung dafür der Grund war, oder ob Hadrianus mit aller Konsequenz entschied, daß dieser Mann ihn nicht beerben durfte.
Wer nun war in Hadrianus’ Augen als Nachfolger geeignet? Um uns darüber klar zu werden, müssen wir uns überlegen, was Hadrianus wollte. Er hatte sein ganzes Leben investiert, um aus dem römischen Reich ein Friedensreich zu machen, in dem die Bürger in Ruhe und Sicherheit leben konnten. Um dieses Werk zu erhalten, brauchte Hadrianus einen Nachfolger, der nicht wie Traianus Kriege führen würde. Es mußte ein Mann sein mit Gerechtigkeitssinn, aber ohne Ambitionen.
Hadrianus wählte Lucius Ceionius Commodus als Nachfolger, der unter dem Namen Aelius Caesar in die Geschichte eingegangen ist (Abb. 33). Antike und moderne Historiker rätseln gleichermaßen, warum Hadrianus ausgerechnet diesen durchschnittlichen Menschen adoptierte. Ja, manche modernen Historiker sind so verblüfft über diese Wahl, daß sie Aelius zu einem unehelichen Sohn des Hadrianus machen wollen, den dieser aus väterlicher Liebe zu seinem Nachfolger ernannte. Aber wenn wir genauer hinsehen, dann könnte Aelius Caesar durchaus Qualitäten gehabt haben, die ihn für Hadrianus als Nachfolger prädestinierten.
Er stammte aus einer alten etruskischen Familie, die schon zur Zeit der Republik zahlreiche Konsuln gestellt hatte. Das bedeutete, daß die Senatoren ihn als Herrscher akzeptieren würden. Und gerade von dort war natürlich der größte Widerstand zu erwarten. Die Historia Augusta beschreibt Aelius als einen nach Luxus süchtigen Nichtstuer und Weiberheld, der sich lediglich als Feinschmecker einen Namen machen konnte (siehe Kasten 1). Vielleicht ist das aber auch nur eine ins Skandalöse gesteigerte Umschreibung dafür, daß Aelius keinerlei Ehrgeiz besaß. Und genau das war es ja, was Hadrianus brauchte: Einen Herrscher, der nicht den Drang besaß, das Imperium schon wieder zu vergrößern; einen Regenten, der dem Staat Zeit lassen würde, sich wirtschaftlich zu erholen und zu blühen. Hadrianus sicherte die Adoption bei dem Volk und der Armee durch riesige Geldspenden ab. Und er ging sofort daran, dem Aelius politische Erfahrungen zu vermitteln. Er machte ihn zum Konsul und schickte ihn an die Donaugrenze nach Pannonien, damit er etwas vom Grenzalltag lerne.
Leider hatte sich der kluge Hadrianus in Aelius verschätzt. Sein potentieller Nachfolger kehrte todkrank von der Donau heim. Er lebte nur noch bis Ende des Jahrs 137. So war die Nachfolge wieder offen, und erneut wählte Hadrianus einen Mann ohne jeglichen Ehrgeiz. Er adoptierte am 25. Februar 138 Antoninus Pius und sorgte dafür, daß der zwei vielversprechende junge Männer adoptierte: Marcus Aurelius und Lucius Verus.
Nach der Adoption wollte Hadrianus sterben. Antoninus Pius hatte für ihn die Regierung übernommen und so war er nicht mehr nötig für den reibungslosen Ablauf der Tagespolitik. Hadrianus versuchte, sich umzubringen, aber niemand wollte ihm dabei Hilfe leisten. Antoninus Pius überredete ihn, bis zum Ende durchzuhalten. Und so starb Hadrianus im Alter von 62 Jahren in Baiae. Er hatte fast 21 Jahre lang regiert und das römische Reich mehr geprägt als die meisten Kaiser vor ihm. Wenn wir heute von einem friedlichen Nebeneinander der Provinzen in diesem riesigen Raum sprechen können, von einer Identifikation mit Rom bis in den letzten Winkel der damaligen Oikumene, dann ist dies das Werk des Hadrianus. Er war wahrlich ein „Weltverbesserer“ nicht nur in seinen Träumen, sondern in der Realität.
|